A Quiet Place

Von Jonathan Ederer

Dass fast zeitgleich mit dem ersten Frame eines Filmes jeder einzelne im Kinosaal zu schweigenden, gebannten und aufnahmefähigen Salzsäulen erstarrt, ist selten genug in der heutigen von Blockbustern plattgekloppten Filmlandschaft. Doch bei A quiet place kommt noch eine noch wichtigere Funktion des Mediums ins Spiel: die Möglichkeit einer Vereinnahmung des Publikums in Kombination mit der daraus resultierenden übergreifenden Verschmelzung der Verhaltensweisen, also einer cineastischen Macht, die einen noch länger verfolgt, als es Marvel-Post-Credit-Scene je schaffen könnte.

Um des Wortes Willen verwende ich das filmwissenschaftliche Unwort des neuen Jahrtausends: A quiet Pacing wurde fast konsequent umgesetzt. Ich spreche hier nicht von der Prämisse, die in der zweiten Hälfte an Wichtigkeit verliert und starkes Einbüßen zugunsten der Action verbuchen muss – unsinnig, wie ich finde. Nein, in erster Linie geht es um die atmosphärische Verarbeitung von einer sinneseinschränkenden Bedrohung, die per se keiner näheren Beschreibung bedarf. Die Idee von Krasinksi ist so banal wie genial. Nichts kann erschreckender, bedrohlicher, ja verzweifelnder und an der Panik kratzender sein als einem Drang zu widerstehen, der einem das Leben erleichtert und dem Menschen als evolutionäre Gabe in die Wiege gelegt wurde. Na gut, fast jedem Menschen. Denn die weibliche Version von Gaten Matarazzo, einem der Jungs aus Stranger Things, welche die Tochter von Krasinski und Blunt spielt (beide tatsächlich ein Paar im echten Leben – oh, es war alles so echt, die Streicheleinheiten, die Blicke, das Kind?), ist dem Empfangssinn des Verbotenen nicht gewahr und sollte sich über diese Absenz des Hörens doch eigentlich freuen. Denn in welcher Welt würde es angenehmer sein, auf taube Ohren zu stoßen als an diesem stillen Örtchen. Und trotzdem scheint es auch hier nötig zu sein, sämtliche familiäre Probleme, inklusive die eines bockenden Teenagers, aufgreifen zu müssen und diesen den Deckel eben jener Prämisse zu überstülpen, die weitaus mehr Potenzial hätte.

Ganz leise sein, am besten daheim bleiben. © 2018 Paramount Pictures

Der Ursache einer zum Schweigen verdammten Familie, die trotzdem in Takt ist, wird durch das Auftreten einer außerirdischen Existenz konstruiert. Diese alieneske Rasse hat im wahrsten Sinn ein offenes Ohr für potentielle Opfer, die nicht mal verspeist werden, sondern, so kommt es im Film rüber, aus purer Lust am Töten aufgeschlitzt und zerstückelt werden. Sie können kleinste Geräusche auf größte Distanz erlauschen und werden denjenigen vernichten, der diese verursacht hat. Außer diejenige Person befindet sich an einem reißenden Wasserfall oder einem plätschernden Fluss (beides dasselbe in diesem Film) und verhüllt sich in deren andauernden Geräuschpegel. Dass objektiv dumme Dinge passieren, versteht sich bei so gut wie jedem Horrorstreifen von selbst und auch A quiet place macht hier keine Ausnahme, denn wie es das Schicksal der Beziehung von Krasinski und Blunt will, wird letztere schwanger und regt beim Reveal dieser Tatsache zum nackte kanonischen Klatschen der flachen Hand auf die eigene Stirn an. Denn zwei Gedanken scheinen den Liebenden wohl partout nicht in den Sinn gekommen zu sein: 1. Ein Neugeborenes schreit im Normalfall, was das Zeug hält und 2. die Wehen einer Frau sind ebenfalls lauter als ein Wehen im Wind. Also: Schreien + Wehen = sehr laut. Und trotzdem: Kind kommt. Aber andererseits ist das natürlich egal und auch notwendig, um der vierten und fünften Wiederholung eines stillgeschwiegenen Missverständnisses aus dem Weg zu gehen und Spannung in physischer Form zu vermitteln.

Aber trotz allem bekommt man hier einen eher außergewöhnlichen Film, der es zwar auch nicht schafft, auf gängige Katalysatoren der Schockmomente zu verzichten, aber sein Konzept fast bis zum Ende nicht aus den Augen verliert. Fast? Absolut! Denn genauso wie es A quiet Place schaffte, mich von Sekunde 1 in den Bann zu ziehen, so gelingt dem Regisseur das große Kunststück, mit dem letzten Bild und dem doppelten, nachladenden Klickgeräusch einer Waffe und einer bedienenden Person (ich verzichte hier auf Spoiler) die Ernsthaftigkeit der vorangehenden 90 Minuten völlig zunichte zu machen.

PS: der Score war meistens toll.


Titelbild © 2018 Paramount Pictures

%d Bloggern gefällt das: