Quarantäne I: Das Shining

Stanley Kubricks Antlitz wabert zwischen den Wolken über den Rocky Mountains, während Jack Torrance in gelbem Vehikel, begleitet von den Dies Irae, sein Ziel sucht, das ihm schon seit Jahrzehnten auferlegt ist. Der Weg ins Overlook Hotel. Der Weg in die Vergangenheit. Der Weg ins Hier und Jetzt. Das Ziel: Quarantäne. Isolation.

In Zeiten des Coronavirus ist diese Situation der Gesellschaftsflucht nicht mehr nur ein Fantasiegebäude, es ist Realität. Wenn möglich schotten sich Familien ab, unter der Einschränkung, dass Mütter und Väter in der Risikogruppe nicht gefährdet sind. Sie suchen Gemeinschaft. Jack, Wendy und Danny. Was zwingt die Torrances zu diesem Akt der Abschottung? Es scheint eine unsichtbare Macht zu sein. Ein Gegner, den sie nicht sehen können, den nur das Shining preisgibt. Selbst intrafamiliär ist die Struktur aufgebrochen. Denn während Danny die Gänge des Hotels abfährt, füllt Jack seine Tage mit der Schreibarbeit des Sisyphos und Wendy beschränkt sich auf das Servieren und Beschwichtigen. Etwas scheint das Dreigespann aufzubrechen. Ein Keil der Angst, ein Totem mangelnder Vernunft. Der unsichtbare Gegner oder wie es Staatsmänner dieser Zeit martialisch formulieren: Wir befinden uns im Krieg.

Gegeben ist das Shining und der gemeinschaftliche Zerfall und unsere Vorzeichen stehen denkbar schlecht. Zusehends vereinnahmt vom bösen Geist des Hotels, von der Präsenz antropophiler Geister, die sich an der geistigen Gesundheit der Menschen laben, verliert Jack immer mehr den Verstand. Im Zimmer 237 wird seinen sexuellen Fantasien Raum gegeben, eine Schönheit will sich ihm nähern und den Kontakt herstellen, an den sich weder Jack noch jene Gespielin erinnern können. Aus der Ekstase, der Innigkeit und Berührung wird eine Entfremdung, sobald das Virus, das unsichtbare Etwas, sein wahres Gesicht zeigt: Eine verfaulte Hülle, den Verfall der Gemeinschaft inkorporiert. Gibt sich Jack dieser Unmöglichkeit freiwillig hin? Die Antwort kann nicht das offensichtliche „Ja“ sein, basierend auf der langen Fahrt in eine Gegend fernab der Zivilisation. Das Ja ist nur scheinbar. Nein, freiwillig ist hier nicht das richtige Wort. Das Szenario wird nur verschoben, verfrachtet in einen Raum, der semantisch die Bösartigkeit eines psychisch Labilen symbolisiert. Zu einfach? Vielleicht. Daher aktueller: Was ist das Virus?

Es zeichnet sich ab, dass das Virus unsere Freiheit einzuschränken droht. Das höchste Gut einer demokratischen Wertegesellschaft ist plötzlich in Gefahr. Der Grund ist, dass wir nicht in der Lage sind, uns freiwillig auf den Pfad eines Jack Torrance zu begeben: Auf den Pfad der scheinbaren Freiwilligkeit einer Isolation. Die Möglichkeit einer Quarantäne reicht uns als Gesellschaft nicht aus. Es braucht eine Unmöglichkeit der Gemeinschaft. Und diese Unmöglichkeit ist bei den Torrances längst gegeben. Ein dienliches oder wenigstens oberflächlich funktionierendes Zusammenleben ist nicht mehr realistisch. Die einzige Möglichkeit ist die Quarantäne.

Was bleibt uns? Wir kennen das Shining, uns zeigt sich das Virus, das nicht länger unsichtbar bleibt. Oft nicht und noch nicht aus direkter Nähe, sondern durch die Unmittelbarkeit der Medien. Heutzutage hat dieses Shining jeder, der ein Smartphone besitzt. Schreckensbotschaften, Bilder von Menschen, die wochenlang komatös auf dem Bauch liegend aufgrund der virusbedingten Disfunktionalität der Lunge beatmet werden müssen. Die schlimmsten Alpträume, die wir je hatten. Wegschauen ist keine Möglichkeit, das Shining richtig einsetzten jedoch allemal.


Titelbild © 2019 Warner Home Video

%d Bloggern gefällt das: