Midsommar

Von Jonathan Ederer

Was ist Florence Pugh für eine wunderbare Entdeckung? Der erste mir vorgelegte Beweis ist da Midsommar von Ari Aster, der sein Horror-Œvre ausbaut und mit seinem zweiten Streich seine Handschrift mit noch wahnwitzigeren Serifen versieht. Angesiedelt im idyllischen Schweden, verwehrt er sich der genretypischen Möglichkeit der Dunkelheit, Jumpscares und sonstigen Konventionen und liefert einen Film, der sich vor seinem heidnischen Großvater Wicker Man (1973) nicht verstecken muss. Im Gegenteil.

Zugrunde liegt, wie schon in Hereditary (2017), ein emotionaler Schockzustand. Hauptfigur Dani (Florence Pugh) verliert in einem tragischen Spektakel ihre gesamte Familie durch ihre psychisch kranke Schwester. Ein derart intensiver Prolog, der in seiner Tragweite fast unfair gegenüber dem restlichen Film konzipiert ist, weil es ganz einfach kein Schlag in die Magengrube ist, sondern den Zuschauer ausweidet. Doch es funktioniert. Der Ernst der Lage kann nicht klarer formuliert sein. Und doch schafft es Ari Aster nun noch sicherer, einen Tonfall des Humors einzubauen, der sich zum erstaunlich homogenen Paradoxon gegenüber der wirklich drastischen Tragik entpuppt.

Denn Dani ist mit Christian zusammen. Es kriselt, doch noch hält die Beziehung. Auch weil er mit ihr in diesem Zustand des Verlusts nicht Schluss machen kann. So entsteht eine absolut glaubhafte Dynamik des Nachgebens und Klammerns, des guten Willens und Unfairness. Christian arrangiert unterdessen eine Reise nach Schweden, bei dem er mit seinen Freunden ein Forschungsprojekt für die Universität anpacken will. Dani ist vor den Kopf gestoßen, es kommt zu unangenehm komischen Szenen und schließlich fliegt sie mit den vier Jungs zum Mitsommerfest in der Nähe von Stockholm. Was als Idyll beginnt, wird mehr und mehr zum Tripzustand und in der Abgeschiedenheit, weitab von gesellschaftlichen Verfestigungen, entdeckt Dani ein tiefgreifendes, ihr bisher nicht bekanntes Gemeinschaftsgefühl.

Der Horror kommt durch die Hintertür. Und zeigt sich nicht in Gestalt einer bösen Hexe. Alle sind nett, freundlich, aufgeschlossen. Ein schwedisches Empfangskomitee, aufgelockert durch kollektiven Pilzkonsum lässt die Realität verschwimmen. Das ständige Wabern der wäldlichen Szenerie im Hintergrund erstreckt sich nun über den gesamten Film. Doch ebenso wird bald deutlich, dass diese Gemeinschaft eine Ordnung zusammenhält, die den amerikanischen Invasoren fremd ist. Es kommt darauf an, ob die Bindung zum Bisherigen, zur Vergangenheit, ja zum Partner auch in diesem Kontext von Bedeutung ist. Der Kult bricht eingesessene Angewohnheiten auf und gibt Dani die Möglichkeit durch einen ganz neuen Ritus wieder Herr ihrer selbst zu werden.

Der Horror liegt im Auge des Betrachters. Es gibt zwei Herangehensweisen. Sozusagen Team Christian oder Team Dani. Ich beschreibe letztere Variante, das Happy End. Das psychische Wrack tanzt, dreht, windet sich aus ihrer Misere und in Ekstase. Während Schritt für Schritt, Drehung um Drehung ihre Vergangenheit und deren Protagonisten in ihrer Fassade zu bröckeln beginnen und wegbrechen, blüht das Mauerblümchen Florence Pugh (sorry) so richtig auf. Aus ihrer Fragilität wird etwas ungeteiltes, ein Individuum, während ihr bisheriges soziales Umfeld, das sich als trügerisch herausstellt, wortwörtlich zerbricht. Sie jedoch erlangt Zugang zu sich selbst. Die Vorgehensweise, die Abläufe, der Kult, die Gemeinschaft, die Solidarität geben ihr Halt und bieten ihr somit den Boden, der unter ihr wegbrach, als sich ihre Schwester zum kollektiven Suizid entschied. Bei helllichtem Tag schlägt ihre Stunde. Zur Mittsommerwende steigt sie zur Königin empor und kann zum ersten Mal zum Ausdruck bringen, was sie so lange Zeit nicht übers Herz brachte: ein wunderschönes, ernstgemeintes Lächeln, das man ihr gönnt wie fast nichts auf dieser Welt.

Die thematische Verwandtschaft zum englischen Kultklassiker Wicker Man mit Christopher Lee lädt zum Vergleich ein. Doch stattdessen sollte sich auf eine Koexistenz, eine ehrenwerte Hommage geeinigt werden, die berechtigterweise an einem Abend stattfinden kann. Ein 140-minütiger Rauschzustand zwischen Ohnmacht und deren Wiedererlangung. Tolles und mutiges Genrekino, das aus einem Sog aus Fanatismus und Einigigkeit mit jenem Grusel hervorgeht, der am schwersten wiegt: dem realistischen, traumatisierten und beständigen, ob bei Dunkelheit oder Licht.


Titelbild © 2020 Universum Film

%d Bloggern gefällt das: