Das finstere Tal

Von Jonathan Ederer

Im Jahr 2014 brachte Andreas Prochaska Das finstere Tal auf die Leinwand, das auf dem gleichnamigen Roman von Thomas Willmann basiert. Er holte dabei den Western in den deutschen Sprachraum und stilisierte den veralteten Heimatfilm-Begriff mit ungewöhnlichen Mitteln, die wir eher aus dem amerikanischen Kino kennen. Und trotz einiger Überspitzung wurde mit diesem Genre-Mix doch eines klar: Der deutsche Film muss sich nicht selbst limitieren. Mit mutigen Adaptionsentscheidungen, kinematografischer Finesse und intelligent entworfenen Sets lässt sich der Weg aus dem Trott der zumeist dummen und uninspirierten Rom-Kom-Frechheiten des deutschen Mainstreamkinos beschreiten und etwas Licht in ein finster gewordenes Tal bringen.

Und buchstäblich wird der semantische Raum der österreichischen Alpen eingenommen von einem Amerikaner: Sam Riley spielt Greider, der seine Eltern rächen will. Sie wurden Opfer der Brenner-Familie, die patriarchalisch im kleinen Dorf in den Bergen jeglichen Widerstand unterdrückt, aber auch für das Überleben der Bevölkerung garantiert. Mit ernstem Blick, Winchester-Repetiergewehr und Wortkargheit sprengt er die Ketten einer Genre-Konvention.

Johanna Bittenbinder blickt als die Wirtin in den Lauf der Winchester. © 2014 Warner Home Video

Aus unserer auditiven Perspektive klingt Greider mit seinem amerikanischen Akzent wie ein Fremdkörper in diesem Raum der heimatlichen, jedoch auch trügerischen Idylle. Gleichzeitig liefert er uns die Leibwerdung eines Helden, den wir mehr gewohnt sind und akzeptieren als die eher ländlichen Stereotypen der Bauern. Sie nehmen zwar auch klassische Rollen ein und der Pfarrer reiht sich dramaturgisch ein wie das Wirtsehepaar und die junge Liebe. Doch am meisten sympathisieren wir noch immer mit einem Clint Eastwood und so verhält es sich optisch gesehen konträr: Greider führt uns in die kaum mehr gesehene Welt des Heimatfilms, leuchtet diese verstaubten Sets aus und erklärt uns anhand gewohnter Rollenbilder die Möglichkeit dieses urdeutschen Filmgenres.

Close-Ups, dimensionierende Einstellungen, Zeitlupen und Duelle, so in Szene gesetzt, wie es Sergio Leone gemacht hätte, wäre er jemals in Österreich gewesen. Kameramann Thomas Kiennast nutzt sein Werkzeug und bietet vor allem Sam Riley Möglichkeiten zur Entfaltung eines wahren Revolverhelden. Eher ein Antiheld, der einer unbewaffneten Wirtin den Gewehrlauf entgegenstreckt, nachdem er ihr jene Münzen fressen ließ, an denen das Blut seines Vaters klebte. Gerecht – aus einem gewissen Standpunkt, zielgerichtet – immer, heilig – nur aus Sicht des Pfarrers. Umschattet vom Beichtstuhl entspinnt sich uns in der Szene beim Pfarrer (ein Mitwisser im Falle der geschändeten Eltern) ein Bild des Kreuzes, das Greider ironisch ins Zentrum der (schein-)heiligen Rechtfertigungslage des Pfarrers macht. Ein kinematografischer Kunstgriff.

Greider im Kreuz © 2014 Warner Home Video

Das finstere Tal wurde für die filmische Umsetzung gestrafft, dafür die einzelnen Szenen stärker in den Fokus gerückt. Hier steht jede Einstellung und jedes Setting für sich, bleibt in Erinnerung. Der alte Brenner, wie er an sein Bett gefesselt dem eigenen Schicksal trotz dem Wissen um seine Übeltaten stolz ins Auge blicken kann, zeigt die Ambiguität und den Mut des Drehbuchs. Die Stärke der Autoren, auch kontroverse und moralisch nicht eindeutige Problemstellungen der Zeit um 1870 in die Geschichte einzuflechten und dort zu lassen. Da wäre das Ius primae noctis, das dem Gerichtsherrn, in dem Falle der alte Brenner, erlaubt, die erste Nacht mit jeder unter ihm vermählten Frau des Dorfes verbringen zu können. Doch zuletzt sind auch die übrig gebliebenen Bewohner nach Greiders tödlichem Racheakt nicht begeistert von der Säuberung. Denn so schlecht das vom Amerikaner aufgelöste Patriarchat aus heutiger Sicht auch sein mag, es räumt den Bewohnern Sicherheit und Überleben im kargen Alpental ein. Und mit Sicherheit verhindert das Schießwüten eines nicht: Das Erstarken eines neuen Patriarchats durch eines der zahllosen Nachkommen des Brenners.

Regisseur Prochaska und seine Crew zeigen uns, dass es möglich ist, den deutschsprachigen Film mit Brisanz und Essenz zu füllen. Nicht immer muss das deutsche Wort im populären Film nichtssagend sein oder als Rampe für den nächsten dummen Gag mit Frettchen im Bettchen dienen. Die bewusste Notation im sprachlichen Raum des finsteren Tals bringt Tiefe ins Geschehen und genannte Gründe der Ästhetik und Stilistik machen den Film zeitgeschichtlich relevant. Greider, Luzie und Co. bringen Licht ins finstere Tal des deutschen Films und zeigen, dass wir ihm immer wieder eine Chance geben müssen.


Titelbild © 2014 Warner Home Video

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