Selbstkritik und Verteidigung des Sammelns

Als Sammler von DVDs und Blu-Rays bekomme ich öfter mal zu hören, dass der Sinn darin fehlen würde. Warum das ganze Plastik? Mal abgesehen vom Umweltaspekt muss ich zugeben, dass der feine Pragmatismus fehlt. Denn schon vor der Ära von Streamingdiensten gab es Festplatten, die Filme in digitaler Form abrufbar machen. Auch in fragwürdigen Bereichen des Internets findet man Zugang zu Nischenprodukten.

Der Kauf einer DVD als nicht unmittelbar zweckgebunden. Man kann ihn aber so auslegen und also solchen verteidigen. Aber ist eine Verteidigung notwendig? Ist jeder, der seit den 2010ern noch Datenträger kauft, jemand, der im Schein seiner Sammlung versinkt und zweckentfremdet konsumiert? Oder steckt darin eine Legitimität? Ja, von der Ästhetik bis zum Bildungskampf.

„Die Sammelsucht – Grundlage jeder bedeutenden Akkumulation von Bildung – tritt überdeutlich im perversen Hang der Jazz- und Filmfans zutage, die, was der kultivierte Genuss per definitionem impliziert, bis an die Grenze, also bis zum Absurden treiben, wenn sie den Konsum des Werkes durch den des Begleitwissens ersetzen (Angaben im Vorspann, Besetzung des Orchesters, Aufnahmedaten usw.) und darüber hinaus in der Erwerbgier aller unermüdlichen Sammler gesellschaftlich bedeutungslosen Wissens.“

Pierre Bourdieu in Die feinen unterschiede

Bourdieu porträtiert die Sammelsucht als ein Symptom einer Seite der Medaille im Klassenkampf: Pragmatismus und Zweckorientierung vs. zweckfreies Wissen bis zum Absurdum im Bildungsbürgertum. Auf der anderen Seite fehle dem Kleinbürger das spielerische Verständnis vom Bildungsspiel. Er nimmt jede mögliche Form, der sich um den Kulturbegriff bewegt, viel zu ernst. Stattdessen ist (kulturelle) Bildung das, was übrig bleibt, wenn alles andere wegbricht. Wissen ist irrelevant. Erwerbsmechanismen stehen der absoluten Unaufrichtigkeit und Lässigkeit der Philosophen, Künstler und Essayisten gegenüber. „Erwerbsmenschen“ können es sich nicht leisten, mit der Welt der Bildung auf vertraulicher Basis zu verkehren. Dieser Verkehr kann nur über wesentliche und natürliche Dispositionen ausgeübt werden.

Was ist also das Sammeln? Eine Erscheinungsform des kultivierten Absurden? Oder doch ein erworbenes Wissen, das nicht von Geburt an zugrunde liegt? Doch der Gegenstand der DVD weicht von diesem Wissen ab. Wird es mit einem Augenzwinkern konsumiert und artikuliert, ist also alles in Ordnung? Wahrscheinlich bewegt sich diese Sucht transzendental darüber. Der Gedanke, dass man durch das Sammeln sowohl das Problem der nicht dispositionierten Aneignung von Kulturen als auch der nicht pragmatischen Herangehensweise an das (letztendlich Konsum-)Produkt überwindet, ist versöhnlich.

Oder stellt Bourdieu hier unmittelbar den ungebildeten Leser bloß, indem er unaufrichtig ernsthaft von der Unaufrichtigkeit der Bildungsbürger spricht?

Losgelöst von den zahlreichen Fragen und der ernsthaften Auseinandersetzung mit der Sammlerei bleibt noch immer die ästhetische Komponente. Sie gewährt jenen Zugang, dem auch auswärtigen Besichtigern der Sammlung eine Bedeutung abgewinnen können: Der Zugang eines „nützlichen“ Deko-Arrangements, das wenigstens dem Auge etwas nützt. Wenn dann die Frage kommt: Aber was bringt es dir sonst? Antworte, indem du das Objekt aussparst: Es bringt mir was.


Titelbild © Pierre Olivier Deschamps/VU/laif (Sammelbeilage Nr. 49 im Philosophie Magazin)

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