Bone Tomahawk

Von Jonathan Ederer

Der Troglodyt betätigt den Abzug des Gewehrs. Der Lauf deutet direkt auf die Genitalien von Sheriff Franklin Hunt. Es klickt. Einmal. Zweimal. Dreimal. Doch innenballistisch scheinen einige Parameter nicht zu wirken – sein Geschlecht wird verschont. Nicht so seine Bauchdecke. Der Homo Nocturnus mit bleicher Kriegsbemalung, die seinen gesamten Körper bedeckt, nimmt sein knöchernes Beil und hackt in des Sheriffs Inneres. Dem Schnitt folgt eine klaffende Wunde. Der Kannibale begreift seine Überlegenheit, erkennt die Lücke, die er in der Gesellschaft hinterlässt – die Lücke der rohen Gewalt. Er greift zum Allerheiligsten der Kolonialmacht des Westens, dem Feuerwasser. Er schließt die Lücke, nimmt den metallenen Flachmann und schiebt ihn in das offene Abdomen des geschlagenen Gesetzeshüters, der mit schmerzverzerrtem Gesicht aufschreit. Willkommen in der Wildnis, wo der Horror des Unzivilisierten um sich greift. Willkommen bei „Bone Tomahawk“.

Kurt Russell spielt jenen Sheriff Hunt, der sich gemeinsam mit Arthur O’Dwyer (Patrick Wilson), Chicory (Richard Jenkins) und dem Indianerjäger John Brooder (Matthew Fox) auf die Suche nach Arthurs Frau und zwei weiteren Verschwundenen begibt. Ein waghalsiges Unterfangen. Denn nicht nur ahnen sie den im Verborgenen wandelnden Schatten der Ureinwohner, auch die eigenen Voraussetzungen sind denkbar schlecht. Arthur müht sich mit seinem lädierten Bein ab und der Sheriff ist auch nicht mehr der Jüngste. Doch der bloße Wille und die Hoffnung, der Rohheit der Natur mit zivilem Engagement Herr zu werden und die Entführten zurückzuholen, machen sie stark. Sie trotzen dem Instinkt, setzen sich der Wildnis aus und spielen jene Karten aus, die die Menschheit zu dem gemacht hat, was sie ist. Eine Gattung, die aus eigener Kraft domestiziert wurde und den Horror der Natur von sich abschirmt.

Regisseur S. Craig Zahler, der in jüngerer Vergangenheit mit „Brawl in Cell Block 99“ und „Puppet Master: The Littlest Reich“ auf sich aufmerksam machte, gelang im Jahr 2015 mit seinem Erstlingswerk „Bone Tomahawk“ eine grandiose Genrekreuzung und beweist auf schockierende Weise, dass sie sich nicht widersprechen müssen: Der Horror und der Western. Allein der Titel dieses Films ist auf effektivste Weise lautmalerisch. Es werden Knochen gebrochen, Körper ausgeweidet und Knorpel zermalmt. Die Gefahr, die dabei von den Indianern ausgeht, muss als diejenige Disposition verstanden werden, die auch in dem Sheriff, Arthur, Chicory und John verankert ist. Diese wurde zwar im Laufe des Zivilisationsprozesses und rentablen gesellschaftlichen Konventionen unterdrückt und sozusagen eingezäunt, sie ist aber weiter existent. Mit fortschreitendem Weg und der vermehrten Konfrontation mit Gewalt und Natur werden diese, aus unserer Sicht grausamen, Verhaltensweisen wieder zur Norm und die Crew selbst wird zu immer mehr Gewaltausübung gezwungen, um zu überleben. Hier wird Gewalt durch Gewalt bedingt. Mal mit dem Gewehr, einmal mit dem Tomahawk und ein anderes Mal schließen sich die nackten Hände um den nach Luft ringenden Hals.

Opium, die trockene Wüste, ein Hinterhalt, die Ohnmacht der Protagonisten – Regisseur Zahler und Kameramann Benji Bakshi kreieren in den 132 Minuten Bilder, die sich zwar ins Westerngenre eingliedern, den Film mit einer in diesem Kontext wohl noch nie so dagewesenen brachialen Wucht jedoch zu etwas Einzigartigem machen. Er setzt neue Maßstäbe in Sachen Schonungslosigkeit, die sich im Wilden Westen im 19. Jahrhundert so zugetragen haben kann. Schauspielerisch gibt es nichts zu bemängeln. Patrick Wilson liefert wie immer ab, David Arquette bewegt sich nach „Ravenous“ aus dem Jahr 1999 erneut auf kannibalischem Boden, „Blade Runner“-Star Sean Young ist auch dabei und Kurt Russell könnte authentischer nicht sein. Im Stile eines Neo-Westerns à la „No Country for Old Men“ bleibt der Blick auf die Geschehnisse gestochen scharf und beobachtend. Fast schon nüchtern und passiv werden Szenen geschaffen, die mit der ausgelösten Emotion im Kontrast stehen: Hilflos muss man dabei zusehen, wie Figuren bis aufs Blut gequält werden und der Wille zum Überleben einer Ohnmacht weicht, die von der Brutalität der Natur ausgeht.

Das Drehbuch hat Zahler schon 2007 geschrieben. Gefilmt wurde allerdings erst 2014 und in Deutschland erschien der Film Anfang 2016 direkt auf DVD. Das ist aber keineswegs aussagekräftig ob der Qualität des Films. „Bone Tomahawk“ ist ein ruhig erzähltes Stück Genrekino, das pointiert geschrieben ist und in seiner nüchternen Darstellung und meist unvermittelt zutiefst schockiert. Dadurch dass hier ein ethnisches Problem aufgeworfen wird, ist die Umsetzung des Films mit seiner kritischen Prämisse eigentlich mit Risiko behaftet und in der Folge ist es umso bemerkenswerter, dass die moralische Gratwanderung gelungen ist. Der Horror tritt nicht willkürlich zutage, sondern wird dann eingesetzt, wenn er die Disparitäten der verschiedenen Bevölkerungsgruppen besonders drastisch abbilden soll. Die Kluft, die zwischen ihnen liegt, ist ein Pfuhl aus nacktem Überleben, Mordlust und zertrümmerten menschlichen Hüllen. Der Wiederschauwert ist enorm, der Stil sicher und ein Kultstatus kann dem Film schon jetzt zweifelsohne zugesprochen werden. „Bone Tomahawk“ ist dreckig, er ist blutig und grausam, er vermittelt Verzweiflung und löst Rachegefühle aus. Dabei ist er Western und vor allem eines: „Bone Tomahawk“ ist Horror vom feinsten.


Titelbild © 2016 Constantin Film

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