Dinner in America

Er lief auf dem Hardline Filmestival in Regensburg und dem Fantasy Filmfest und ist so liebenswürdig wie bitterböse: Dinner in America – eine punkige Coming-of-Age-Geschichte, in der zwei wunderbare Hauptdarsteller für Glanzmomente sorgen.

Von Jonathan Ederer

Dinner in America startet mit einer fulminanten Szene. Ein treibender, der elektronische Score peitscht den Rebellen Simon (Kyle Gallner, Red EyeJennifers Body) an. Eine Jugendliche hat ihn zum Dinner nach Hause eingeladen. Nach tabulosem Realtalk am Tisch endet der Nachmittag für den Unruhestifter damit, dass er vom Vater mit dem Gewehr aus dem Haus gejagt wird. Dabei ist er nicht unschuldig: Zuvor hat er das Wohnzimmerfenster zerstört und ein Techtelmechtel mit der Mutter gehabt, bei dem ihn die Teenagerin aber leider Gottes erwischt hat.

Simon ist ein Aussteiger, der sich von keinem etwas gefallen lässt, macht, was er will, und einem eigentlich recht ehrenwerten Moralkodex folgt.

Schnitt – im Kontrast dazu: Eine Familie am Tisch in einem gemütlichen, kleinbürgerlichen Haus. Die Umgebung stimmt, doch auch hier gibt es Reibereien. Die Tochter Patty (großartig: Emily Skeggs) fühlt sich sichtlich unwohl in der konservativen Umgebung ihres Elternhauses, rebelliert, masturbiert und hört laute Rockmusik.

Nachdem man beide Figuren kennengelernt hat, ist klar, worauf der Film hinaus will. Doch die Umsetzung ist so überraschend, frisch und ungezwungen, dass die abgehalfterte Bonnie-und-Clyde-Prämisse nicht stört. Zwei Außenseiter, die jedem so gegen den Strich gehen, hat man selten so gut harmonieren sehen. Die schrullige Patty und der harte Simon sind ab dem Zufallstreffen, als sich der Teilzeitmusiker vor der Polizei versteckt, unzertrennbar und auch ihre Geschichte verwehrt sich sämtlichen Konventionen.

Ein Beispiel dafür ist die sich anbahnende Romanze der beiden, die in einer herkömmlichen Hollywood-Teenie-Komödie wohl nicht so stattfinden würde. Denn da verliebt sich meistens der Außenseiter oder die Außenseiterin in die Cheerleader-/Quarterback-Figur und zum Abschluss gibt es das klischeehafte Happy End. In Dinner in America ist das anders: Es raufen sich zwei Außenseiter zusammen, lernen einander schätzen und lieben.

Und das Wichtigste: Adam Rehmeier, der auch das Drehbuch schrieb, hat es geschafft, dass man den Figuren das auch abkauft. Was in diesem Fall gar nicht so leicht ist, denn eine zu große Portion Schrulligkeit und Überzeichnung kann schnell mal nerven. Doch eine Groteske wie Dinner in America lebt von seiner Überzeichnung. Dabei schlägt Rehmeier Stilrichtungen ein, die am Ende in einer großartigen, musikalischen Pointe zusammenlaufen; mit einem Genre, das totgeglaubt war: dem Punk.

Dinner in America punktet mit scharfen Dialogen, szenischen Glanzmomenten und einem bitterbösen Humor und ist eine treffsichere Persiflage auf die US-amerikanische Gesellschaft mit all ihren Ecken und Kanten. Am Ende der Tragikomödie im Coming-of-Age-Stil steht der Triumph der Außenseiter über die vermeintliche Spitze der Evolution in einem Land der Extreme. Die Revolution ist real. Der Song, den Patty und Simon gemeinsam schreiben, ist so treffend und auch wunderschön, ruhig und rockig, dass die Message klarer nicht sein könnte: „Fuck’em all, but us!“


Titelbild © 2020 Visit Films

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