„Zwischen Arthaus und Horror“

Der Psychothriller „Schlaf“ sollte so richtig durchstarten – dann kam der zweite Lockdown. Schon auf der Berlinale und dem Hardline Filmfest war er ein Publikumsliebling und hat das Zeug zum Kultfilm. Im Gespräch mit Regisseur Michael Venus und Drehbuchautor Thomas Friedrich hört man eines deutlich heraus: Neben alldem künstlerischen Anspruch, muss man das Ding am Ende rocken.

Interview

Hallo Michael, hallo Thomas, „Schlaf“ ist kein klassischer Horrorfilm, hat aber Horrorelemente. Wie ist dieser Film entstanden?

Michael Venus: Der Horror-Impuls kam von unserer Produzentin, Verena Gräfe-Höft. An der Schule, wo ich mein Handwerk gelernt habe, ging es aber vor allem um Drama und Arthaus. Für uns persönlich war es aber an der Zeit, einen Genre-Film zu drehen – Deutschland ist auf diesem Gebiet ja noch ein Entwicklungsland. Thomas und ich haben uns davor schon oft darüber unterhalten, wie es wäre, einen Horrorfilm zu drehen.

Thomas Friedrich: Die erste Notiz entstand Anfang 2014. Es ging um Trauma und ich hatte auch schon das Hotelszenario im Kopf. Es war ein langer Prozess, der sich über Jahre erstreckt. Wenn wir alle Nebenhandlungen und Motive zusammennehmen, dann hätten wir Stoff für eine Serie. Ich habe aber teilweise sehr viel wieder rausgenommen, es waren viele Fassungen, die ich wieder stark kürzen musste.

Wo lagen die Herausforderungen?

Michael: Den Raum zwischen Arthaus und Horror bedienen, ist in Deutschland sehr schwer. Mir gefällt dieser Bereich aber schon seit meiner Jugend und jetzt hatte ich die Chance, diese Lücke zur füllen. Unsere Produzentin Verena Gräfe-Höft hat uns dann gefragt: Habt ihr Bock auf Horror? Und die erste Frage, die wir uns stellten, war: Was ist für uns der größte Horror? Spontan fiel mir das Patriarchat ein und Thomas nannte die düstere Umgebung seiner Heimat.

Thomas: Ich stamme aus dem fränkischen Fichtelgebirge. Das ist eine typisch deutsche Umgebung: der Granitblock mit den dunklen Fichtenwäldern. Im Nachbarort stand ein leerstehendes Hotelmonstrum. Daher kam der Metacharakter, der das Buch mitbestimmt hat. Der Wald war wie eine Stimme, die dem Ganzen einen Ton gegeben hat. Im Harz ist eine ähnliche Stimmung und deshalb hat das auch so gut funktioniert als Drehort.

Die Atmosphäre wurde wirklich gut eingefangen. Der Harz ist ja an sich schon sehr geschichtsträchtig.

Michael: Ich weiß nicht, wie viele Grimm-Märchen dort angesiedelt sind. Auch Heinrich Heyne hat einen tollen Text dazu geschrieben, als er im Harz seine tote Mutter sieht und hat dem Harz schon damals eine mythische Ebene gegeben. Dann haben wir die Ruinen im Wald, den Generationenkonflikt, die Kraft der Natur.

Ist es noch auszumachen, auf wie vielen Ebenen der Film gesehen werden kann?

Michael: Der Film hat ganz viele Layer – gar nicht zu sprechen von der Traumebene. Wir hätten in einer Vorabversion an einem Drehort über 42 Motive untergebracht – aber das war dann zu viel. Der Drehort im Harz hat die ganze Fassung noch einmal auf den Kopf gestellt und hatte großen Einfluss auf das Drehbuch.

Thomas: Es war auch erleichternd, schon Monate zuvor einen Drehort zu haben und das Buch an dieser Location mit Leben zu füllen. Wir haben zum Beispiel den Dachboden mit in das Set aufgenommen, der aufgrund seiner Aussagekraft einfach Teil des Films werden musste.

Ganz zu schweigen vom Hotel.

Michael: Das Hotel als „Haunted House“ war eine ganz persönliche Idee von Thomas. Irgendwann ist uns die „Shining“-Parallele aufgefallen und wir haben begonnen, damit zu spielen. Zum Beispiel gibt es im Film die Axt, die aber nie verwendet wird. Durch das Wissen um „Shining“ ist die Axt aber so aufgeladen – das haben wir dezent eingesetzt. Die Waffen, die wir verwendet haben, waren das Wort und die Tat – eher abstrakt.

Im Film spielen Dämonen eine zentrale Rolle. Wie geht ihr mit euren eigenen um?

Michael: Man kann an seinen Dämonen wachsen. Ich habe kürzlich ein Interview mit Wolfgang Joop gelesen und der beschreibt seine Lebensphilosophie anhand von „Der Exorzist“: Der Punkt ist, du musst deine Dämonen kennen. Dort gibt es eine Szene, wo der Priester das besessene Mädchen und somit den Dämon anschreit: „Sag seinen Namen!“ In dem Moment, wo du es benennst, kannst du damit besser leben und dich vielleicht davon lösen. Das ist in „Schlaf“ auch der Fall. Mona, die Hauptfigur, muss ihre Dämonen erst kennenlernen, um am Ende mit ihnen umgehen zu können.

Thomas: Durch den ganzen Film zieht sich die Ambivalenz bestimmter Rollenbeschreibungen. Das Opfer wird zum Täter und bleibt trotzdem immer Opfer. Auch der Dämon an sich ist Fluch und Segen zugleich: Er gibt Mona Kraft, aber das hat seinen Preis.

Es gibt eine tolle Traumsequenz, die mich an „Under the Skin“ erinnert hat. Wie habt ihr diese Szene gedreht?

Michael: Die Szenenüberschrift im Drehbuch war „Konturloser Raum“. Hier geschieht eine Neugeburt der Hauptfigur, in der ihr der Dämon seine Kraft übergibt und sie an sich bindet. „Under the Skin“ habe ich erst danach gesehen. Wenn man sich eine Zeit lang in einem bestimmten Genre befindet, fällt einem die eigenartige Verbindung zwischen uns Filmschaffenden auf, da wir uns kulturell auf ähnlichem Boden bewegen. Die Traumsequenz ist an eine japanische Theaterform angelehnt, in der Krankheiten und Dämonen mit Bewegungen dargestellt werden – das Kind aus „The Ring“ folgt ähnlichen Bewegungsmustern. Diese Ausdrucksform hat übrigens ihren Ursprung im Abwurf der Atombombe.

Wie war es, mit diesem tollen und vielseitigen Cast zu drehen?

Michael: Es war fantastisch. Wir haben uns zwei Jahre Zeit genommen für das Casting. Das eine war, dass das Bild für den kreisförmigen Stammbaum, der ja im Film eine Rolle spielt, passt. Das andere ist natürlich die Performance. Das Handwerk, der Zugang zum Spiel mussten passen, damit es ein harmonisches Ensemble geben kann. Bis ein Vertrauen da war, hat es eine Zeit gedauert, die sich gelohnt hat.

Und Sandra Hüller? Sie werden wahrscheinlich einige aus „Toni Erdmann“ kennen.

Michael: Mit Sandra Hüller hatten wir nur eine begrenzte Zeit. Sie hatte parallel Tanzunterricht und legte in Hamlet auf der Bühne eine unfassbar körperliche Performance hin. Wir haben uns dann im Film dazu entschieden, ihr und auch dem Publikum diese Körperlichkeit wegzunehmen. Somit konnten wir die Erwartung an Sandra Hüller, mit all dem, was sie kann, unterlaufen und so ihrer Filmtochter, Mona, die Bühne zu bieten. Sie konnte auf diese geistige Umnachtung reagieren, denn sie will ja nichts mehr, als dass ihre Mutter bei ihr bleibt – wach. Und obwohl es so aussieht, als ob Sandra Hüller passiv ist und nur im Bett liegt, kann ich sagen, dass das eine wahnsinnig starke und körperliche Performance war. Davon abgesehen, dass sie einfach die Beste ist.

Hat sich der Blick auf den Film im Laufe des Prozesses geändert? Wie seht ihr ihn heute?

Michael: Der Film ist komplexer geworden. Viele Momente, die nicht eindeutig erscheinen, bedeuten für uns persönlich natürlich etwas ganz Bestimmtes – zugleich mögen wir aber offene Kunst. Da kannst du dich als Zuschauer mit einbringen – vor allem wenn es um etwas so Persönliches wie den Traum geht. Wir haben dabei aber auch an das Publikum gedacht. Der Trick bei einer solchen Herangehensweise ist es, eine Detektivgeschichte zu schreiben, in der der Zuschauer die Möglichkeit hat zu interagieren. So macht das zum Beispiel auch David Lynch in der Serie „Twin Peaks“, deren Rückgrat es ist, dass der Zuschauer die Möglichkeit hat, sich zu öffnen und nicht vor den Kopf gestoßen wird. Es war auch unser Anspruch, dass der Zuschauer das Abgründige ergründen kann.

Wenn man den Autor Thomas Friedrich fragt: Um was geht es in „Schlaf“?

Thomas: Im Schreibprozess gab es trotz der vielen Ebenen eine klare Idee: Eine junge Frau geht auf eine Reise und will das Rätsel ihrer Vergangenheit lösen. Ich habe dabei die Erfahrung gemacht, dass wenn man so tief in der Materie drin ist, sich die verschiedenen Ebenen von alleine ergeben. Bestimmte Aspekte kann man dann besonders betonen oder herausnehmen. Wenn ich dann die Kritiken lese, ist es eine Mischung aus „ganz nah dran sein“ und „der Film hat jetzt sein Eigenleben“. Jeder hat auf die Fragen, die der Film stellt, andere Antworten und deshalb beantworte ich auch ungern Fragen in Bezug auf die Deutung. Es war mir wichtig, diese Offenheit zu kreieren.

Mit hat gefallen, dass trotz aller Traumata auch der Humor eine Rolle spielt. War das so geplant?

Thomas: Von Tag eins an haben wir gesagt, dass Humor drin sein muss – aber unser Humor. Das ist ein ganz feiner und spezieller Humor und der ist auch im Buch eingearbeitet. Gerade Gro (Swantje Kohlhof) hat ihn mit ihrer trockenen Interpretation zum Leben erweckt und das ist eine Ehre für mich.

Es gibt eine Szene, in der ein Handlanger des Patriarchen Otto hereinplatzt, und diesen fragt, ob er helfen kann. Otto hat gerade eine zentrale Figur unvermittelt bewusstlos geschlagen. Hier war die Pointe besonders bitter.

Michael: Schön, dass das funktioniert hat. Die Szene zeigt ein empathieloses Arschloch, das völlig im Reinen ist mit sich. Er hat in dieser absurden Situation, in der alle leiden und Brutalität an der Tagesordnung ist, nichts Besseres zu tun, als gut drauf zu sein.

Thomas: Der innere Friede des Untertans. Er gibt die eigene Verantwortung ab.

Habt ihr schon darüber nachgedacht, wie es nach „Schlaf“ weitergeht?

Michael: Gerade sind wir noch sehr beschäftigt mit dem Film beschäftigt. Der Kinostart ist am 29. Oktober und bis dahin gibt es noch viel zu tun. Er muss promotet werden und erst, wenn er im Kino läuft, ist er sozusagen fertig. Aber wir haben auch schon neue Ideen. Thomas und ich sind jetzt bereit, etwas Geradlinigeres zu machen – vielleicht einen Thriller.

Ihr werdet also wieder zusammenarbeiten?

Michael: Es sieht ganz danach aus, oder, Thomas?

Thomas: (lacht). Während Micha noch im Schneideraum saß, habe ich einen Roman geschrieben. Es gibt zusätzlich noch ein paar Sachen, die auf meinem Tisch liegen, und eine ist schon ziemlich fortgeschritten. Wenn alles klappt, würde sich Micha auf die Regie konzentrieren, aber auch wieder bei der Entwicklung der Geschichte involviert sein und ich würde das Drehbuch schreiben. Auch Junafilm ist wieder mit an Bord. Micha und ich kennen uns jetzt schon seit 20 Jahren, das heißt, ja, wir werden bestimmt wieder was zusammen machen.

Die Rollen sind also weiterhin klar verteilt?

Michael: Die Zeiten der Regie-Egomanen, die alle Fäden in der Hand halten, sind vorbei – vor allem in Deutschland. Ich will das gar nicht haben. Ich mag die Idee einer sozialen Skulptur, die einen Film ausmacht: weg vom Filmgenie, hin zum Filmemacher. Es gibt so viele Aspekte, die den Film zu dem machen, der er sein kann – das ist eine Frage der Möglichkeit und der genutzten Chancen. Die Idee vom Regie-Diktator ist Quatsch. Vor allem als Debütant geht es darum, Vertrauen zu erwerben. Man braucht ganz viele Menschen, damit ein Film zustande kommen kann.

Thomas: Und man braucht einen Autor (lacht). Selbst bei einem Autorenfilmer, der auftritt wie King Koks, dauert der Abspann zehn Minuten – und da stehen 500 Leute. Die haben alle mitgearbeitet, weil sie können, was sie können. Da steht nicht nur der Regisseur. Gerade bei „Schlaf“ hat man gemerkt, dass dahinter ein Organismus steht: Jeder erzählt mit seinem Gewerk seine Geschichte in diesem Film. Denn warum wird eine Schauspielerin überhaupt gecastet? Sie kann mit ihrer Performance das erzählen, was ich als Autor mit Worten nicht erzählen kann. Da ist kein Puppenspieler, der alles regelt. Die Schauspieler sind keine Fleischpuppen, wie Hitchcock einmal gesagt hat, sondern Individuen, die sich selbst miteinbringen.

Danke, dass ihr einen so tiefen Einblick in euren Film ermöglicht habt!

Thomas: Es wirkt jetzt so, als wären wir so „meta, meta, meta“. T. C. Boyle hat mal gesagt: „Am Ende musst du rocken!“ Auch wenn „Schlaf“ Arthaus ist und manchmal ein wenig verrückt, wollten auch wir rocken. Es hat echt Spaß gemacht, das zu schreiben.


Titelbild © 2020 Salzgeber